Nachhaltige Bücher

Talmon - Fantasy Thriller

Und schon wieder geht es um Bücher. Was damit zu tun hat, dass ich mich im letzten Vierteljahr als Buchsetzer versucht habe. Das Versuchsobjekt, der Fantasy-Thriller Talmon, ist der Debütroman einer guten Freundin und handelt von einem uralten, magischen Familien-Geheimnis.

Den Drucksatz habe ich mit LaTeX erstellt und das E-Book brauchte dann nur noch ein paar Konversionsschritte. Mit pandoc von LaTeX nach HTML, mit Sigil das HTML in epub eingebaut und mit calibre das E-Book Format epub in das von Amazon preferierte mobi- bzw. AZW-Format umgewandelt. Nach dieser Arbeit war das Buch dann sowohl als gedrucktes Buch als auch als E-Book verfügbar.

Für den an Nachhaltigkeit interessierten Leser stellt sich jetzt natürlich die Frage: Sollte ich das Buch lieber in gedruckter oder in digitaler Fassung genießen? Wie es der Zufall will, hat sich auch die Wissenschaft dieser Frage angenommen.

Mit dem Aufkommen massentauglicher E-Reader wurde nicht nur das (unwahrscheinliche) Ende von gedruckten Büchern diskutiert, sondern auch die möglichen ökologischen Vor- und Nachteile der digitalen Versionen. Bereits in 2011, dem Jahr in dem die dritte und schon sehr handliche Generation von Amazons E-Reader Kindle auf den Markt kam, haben Moberg et al. [2011] einen Lebenszyklusvergleich zwischen gedruckten und digitalen Büchern veröffentlicht. Nach deren Analyse gibt es jedoch keine eindeutige Antwort auf die Frage nach der besseren ökologischen Alternative. Eindeutig ist nur, dass sich die Bilanz der E-Reader verbessert, wenn sie öfter benutzt werden, möglichst lange halten und zudem am Lebensende recycelt werden. Im Grunde genommen das, was auf alle elektronischen Geräte zutrifft.

Dowd-Hinkle [2012] kam in ihrer Masterarbeit zum Schluss, dass eine durchschnittliche Nutzung eines E-Readers mit 60 E-Books jährlich definitiv ökologischer sei, als diese 60 Bücher in einer gedruckten Variante zu lesen. Sie wies allerdings auch darauf hin, dass eine Mehrfachnutzung der gedruckten Bücher dieses Ergebnis schnell umkehren könnte. Schließlich errechnen sich die ökologischen Nutzungskosten eines gedruckten Buches aus Produktion und Vertrieb des Buches geteilt durch die Anzahl der Leser.

Bull und Kozak [2014] haben die Frage nach der ökologischeren Alternative auf einer höheren Ebene bearbeitet und sich gefragt, ob die bisherigen Lebenszyklusvergleiche methodisch überhaupt zu validen Aussagen führen. Nach ihren Ergebnissen unterscheiden sich die Produktzyklen im digitalen und gedruckten Bereich so stark, dass dies eben nicht möglich ist und die ökologischen Fußabdrücke nicht akkurat vergleichbar sind.

Dennoch analysierten Jeswani und Azapagic [2015] noch einmal die bisherigen Vergleiche von Druck- und Digitalbüchern. Dabei zeigte sich der starke Einfluss, den die jeweiligen Annahmen auf das Ergebnis der Studien haben, wie zum Beispiel die Technik des E-Readers (LCD vs. e-Ink) oder die Mehrfachnutzung von gedruckten Büchern. Von diesen methodischen Variationen abgesehen, ergab sich jedoch wiederum, dass E-Reader generell nur bei starker Nutzung zu ökologischen Vorteilen führen.

Der jüngste Lebenszyklusvergleich stammt von Naicker und Cohen [2016] und betrachtet sehr spezifisch das Lesen von Büchern in Südafrika, jeweils mit einem iPad und mit einem Druckbuch. Hier kommt wieder zum Vorschein, wie entscheidend die jeweiligen Grundannahmen sind. So ist ein iPad in seiner Herstellung ressourcenintensiver als ein reiner E-Reader und verbraucht im Betrieb zudem noch mehr Energie. Letzteres spielt wiederum in der Klimabilanz eine bedeutende Rolle, insbesondere wenn wie im Beispiel von Südafrika der nationale Strommix stark kohle- und damit auch CO2-lastig ist. Trotz dieser schlechten Ausgangslage konnten die Autoren ihre These teilweise belegen, dass das Lesen von 21 Büchern auf einem iPad ökologischer sei als die Anschaffung von 21 gedruckten Büchern. Doch auch in dieser Studie wird eingeräumt, dass die Nutzung eines Druckbuches durch mehrere Leser, wie zum Beispiel im Rahmen einer Bibliothek, die ökologischere Variante wäre.

Abschließend könnte man zusammenfassen: So einfach ist das nicht mit der ökologischen Bewertung von digitalen Büchern. Aber auch wer nur gedruckte Bücher liest, muss sich fragen: Wie ökologisch ist mein Verhalten? Denn wer ein Buch nur einmal liest und es dann nicht mehr herausrückt, steigert unnötigerweise dessen ökologischen Fußabdruck. Da ist es schon sinnvoller mal wieder etwas aus seiner örtlichen Bibliothek auszuleihen oder der Empfehlung des vorhergehenden Artikels „Bücher auf Reisen“ zu folgen.

Natürlich sei auch jedem sein persönlicher E-Reader gegönnt, sofern dieser wirklich gebraucht und pfleglich behandelt wird. Ich selbst nutze seit sechs Jahren einen Kindle, noch mit Tastatur und dafür ohne Touchpad und Hintergrundbeleuchtung. Funktioniert einwandfrei und nicht DRM-geschützte epub’s von anderen Buchportalen lassen sich auch leicht in mobi konvertieren und dann darauf lesen. Davon abgesehen gibt es aber auch für mich Bücher, die ich lieber in gedruckter Fassung vorhalte, wie etwa Lewis Dartnell’s „Das Handbuch für den Neustart der Welt“. Ich möchte im Fall der Fälle schließlich nicht gerade das Kapitel über Elektrizität lesen und plötzlich ist der Akku vom E-Reader alle, für immer.

Quellenverzeichnis

Bull, Justin G., und Robert A. Kozak. 2014. „Comparative Life Cycle Assessments: The Case of Paper and Digital Media“. Environmental Impact Assessment Review 45 (Februar): 10–18. doi:10.1016/j.eiar.2013.10.001.

Dowd-Hinkle, Dealva Jade. 2012. „Kindle vs. Printed Book: An Environmental Analysis“. Master thesis, Rochester: Rochester Institute of Technology. https://scholarworks.rit.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=9041&context=theses.

Jeswani, Harish K., und Adisa Azapagic. 2015. „Is E-Reading Environmentally More Sustainable than Conventional Reading?“ Clean Technologies and Environmental Policy 17 (3): 803–9. doi:10.1007/s10098-014-0851-3.

Moberg, Åsa, Clara Borggren, und Göran Finnveden. 2011. „Books from an Environmental Perspective - Part 2: E-Books as an Alternative to Paper Books“. The International Journal of Life Cycle Assessment 16 (3): 238–46. doi:10.1007/s11367-011-0255-0.

Naicker, Vinesh, und Brett Cohen. 2016. „A life cycle assessment of e-books and printed books in South Africa“. Journal of Energy in Southern Africa 27 (2): 68. doi:10.17159/2413-3051/2016/v27i2a1343.